Simone Weissenbach hat zur Blogparade „Entspannt selbständig“ aufgerufen … mein erster Gedanke war:
Ich bin nicht wirklich entspannt… selbständig schon… (seit fast 20 Jahren)
Ich nutze ihren Aufruf, mir mal Gedanken über meine Selbständigkeit zu machen. Dass ich selbst nicht wirklich entspannt an meine Selbständigkeit herangehe, liegt sicher nicht zuletzt an meinem fehlenden Hang zu Ordnung, Planung & Konsequenz.
Etwas zu meiner „Entspannungsgeschichte“…
Ich bin inzwischen einiges entspannter als vor 2013, als ich noch meine Internetagentur am Laufen gehalten habe. Besser gesagt hat mein geschätzter Mitarbeiter damals eine Menge gewuppt — vor allem nachdem ich 2010 durch meinen Sohn zum Vater ernannt wurde… Danach sprang ich nur zwischen Kunden und Agentur hin und her. Das war wenig befriedigend für alle Beteiligten. Also musste s/ich etwas ändern.
So habe ich Ende 2012 den Entschluss gefasst, die seit 1999 bestehende Agentur wieder nur auf mich zu reduzieren, meinen fast 10 Jahre lang beschäftigten Mitarbeiter in die (gelungene) Selbständigkeit zu entlassen. Als der 2. Azubi dann Mitte 2013 seine Prüfung erfolgreich abgelegt hat (sagt man „abgelegt“? Deutsch ist manchmal schon komisch), war ich wieder alleine. Und trotz einiger Umstellungsholpereien war das sehr befreiend.
Was für mich unbedingt zur entspannten Selbständigkeit gehört…
Zuerst einmal ist die entspannte Haltung eine Sache der inneren Einstellung — neudeutsch „Mindset“. Entsprechend ist es auch wichtig die äußeren Umstände nicht immer allzu wichtig zu nehmen.
Folgende Parameter ermöglichen mir ein entspannteres Arbeiten:
- superwichtig: Ich nutze Medien asynchron (E-Mail, Facebook-Chat, Skype-Chat, Anrufbeantworter, …)
- ich gehe meist nie direkt ans Telefon oder Smartphone nur weil es gerade klingelt
- ich bilde mich mehr und mehr virtuell ab und packe mich in Facebook-Kommentare, YouTube-Videos, Periscopes, Webinare/Hangouts, Audios, Kurse usw.
- ich vereinbare 1:1 Termine wann es mir und meinen Kunden passt (ja, als Esel nenne ich mich zuerst)
- ich versuche mich im „Nein“ als Voreinstellung (klappt noch nicht so richtig)
- ich mache keine Kundentermine in meinem Home-Office (und wenn, dann nutze ich ein schönes Café in der Stadt)
- ich lerne, welche Jobs wichtig und welche unwichtig sind
- ich muss etwas nicht tun, nur weil es jemand (völlig egal wer) von mir erwartet
- ich schaue mehr nach dem, was mich voranbringt — daraus ergibt sich automatisch etwas, das auch meine Kunden voranbringt
Meine Zauberworte: asynchron & virtuell
Asynchrones Kommunizieren läßt mich (im Idealfall) meine Zeit so einteilen, dass ich mit meinen eigenen Projekten und meinen Kundenprojekten am besten vorankomme. Ich schätze es sehr, dass ich mein Arbeitsumfeld mittlerweile so ausrichten kann.
Auch das virtuelle Abbilden meiner Leistungen und meiner selbst hat eine Menge großer Vorteile: Meine Videos, Facebook-Posts, Blogartikel, Tweets, Anleitungen arbeiten rund um die Uhr für mich und sind für mich „präsent“, damit ich es selbst nicht sein muss. Das setzt „Sichtbarkeit“ voraus. D.h., was ich von mir online stelle muss anderen auch zugänglich sein, gefunden werden und dort stattfinden, wo meine Kunden-in-spe sich aufhalten.
Die meisten Selbständigen sind self-employed aber keine Unternehmer
Man muss doch als Selbständiger immer so aussehen, als würde man durchgehend rotieren und die Arbeitsflut gerade so bewältigen. Alles andere ist doch verpönt. Dass das völlig albern ist und eigentlich der gewonnen hat, der entspannt nach 4 Stunden intensiver Arbeit sein selbstgestecktes Tagesziel erreicht hat, wurde mir erst nach zig Jahren Selbständigkeit klar.
Meine Selbständigkeit war nicht viel mehr, als dass ich mir einen 9to22-Job als Webdesigner und später Agenturinhaber geschaffen habe… Das ist für eine Zeit O.K. aber irgendwann geht das meist nicht mehr gut.
Im Englischen ist man ehrlicher mit der Vokabel für Selbständigkeit: „self-employed“ heisst ja nicht viel weniger als bei sich selbst angestellt zu sein. Bei 99,99% der Selbständigen ist das auch so. Wenige sehen sich wirklich als Unternehmer und noch weniger TUN wirklich etwas dafür, Unternehmer anstatt „Selbstangestellter“ zu sein.
Es gibt kein Ankommen, kein Fertigsein, keine 100%
Ich werde nie ankommen, wirklich fertig sein oder 100% perfekt abliefern. Und das ist O.K. so. Meine entspannten Alternativen sind:
- Dinge loslassen, die ich nicht ändern kann oder möchte
- Eigenschaften von mir annehmen, auch wenn ich mich nicht dafür begeistern kann
- auch mal Dinge kollabieren lassen (auch wenn es nicht schön ist — das gehört zur freien Wahl) — und klar muss ich die Konsequenzen tragen…
Ich bin bei einigen genannten Dingen weit von meinem Idealzustand entfernt. Aber ich bewege mich darauf zu 😉
Ist dir aufgefallen, dass hier viele Sätze mit „Ich“ anfangen? Es hat mich durchaus Überwindung gekostet, diese Sätze nicht umzustellen. In der Schule habe ich gelernt, dass es schlechter Stil ist, wenn ich viele Sätze mit „Ich“ anfange. Mittlerweile denke ich, dass gar nicht genug Sätze mit „Ich“ anfangen können. Nur wenn ich zuerst nach mir schaue, kann ich auch anderen wirklich helfen.
Oder wie siehst du das bei dir?

Schreibe einen Kommentar